Fachkräftemangel in der deutschen Industrie: Märchen oder Realität?

Industriebetriebe lechzen nach Fachkräften, müssen Aufträge ablehnen, Angestellte ächzen unter der Mehrbelastung: Dieses Schreckensbild des Fachkräftemangels zeichnen aktuelle Studien der DIHK und des Kölner Instituts für Wirtschaftsforschung. Oder gehen Unternehmen die Personalsuche einfach nur falsch an?

Das Telefon klingelt. Der Chef nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende ein Kunde, der mit einem lukrativen Auftrag winkt. Doch der Chef muss absagen, ihm fehlen Mitarbeiter. Kein Einzelfall. Dem Mittelstand fällt es immer schwerer, Fachkräfte zu finden. Im Schnitt können kleine Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern jede dritte Stelle nicht besetzen, zeigt eine Studie desInstituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Die Folge: Die Betriebe arbeiten oft an der Auslastungsgrenze. „Der Mangel erfasst mehr und mehr Regionen und Branchen“, erklärt IW-Wissenschaftlerin Paula Risius. 2017 seien rund 72 Prozent der offenen Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben gewesen – das sind Berufe, für die es mehr freie Stellen als verfügbare Fachkräfte gibt. „Dabei geht es immer öfter um beruflich qualifizierte Fachkräfte, nicht um Akademiker.“

Besonders gefragt: Arbeitskräfte aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT). Fehlten vor einigen Jahren noch die MINT-Akademiker, sind es heute insbesondere Facharbeiter, Meister und Techniker, zeigt der Frühjahrsreport des Instituts der deutschenWirtschaft. Fast 315.000 MINT-Arbeitskräfte fehlten Ende April 2018 in Deutschland.

DIHK-Umfrage: 60 % der Betriebe fühlen sich vom Fachkräftemangel bedroht

Auch der Arbeitsmarktbericht 2018 des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zeichnet ein düsteres Bild. 48 Prozent von 24.000 befragten Betrieben können offene Stellen längerfristig nicht besetzen. Vor einem Jahr waren es 37 Prozent. Mittlerweile 60 Prozent sehen im Fachkräftemangel ein Risiko für ihre Geschäftsentwicklung – 2010 lag dieser Wert bei lediglich 16 Prozent. 73 Prozent der Betriebe geben an, dass die Belastung der Belegschaft steigt. 45 Prozent müssen Angebote einschränken oder Aufträge ablehnen. Jedes Vierte Unternehmen fürchtet den Verlust von Innovationsfähigkeit.

Das Fachkräfteproblem betrifft vor allem die Metall- und Elektroindustrie. Es gibt in   Deutschland 340.000 offene Stellen für Metallfacharbeiter.

Besonders betroffen scheint die Metall- und Elektroindustrie. „Wir haben ein großes Fachkräfteproblem in unserer Branche“, erklärt Oliver Zandel, Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, der Dachverband der regionalen Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie in Deutschland. „Wir haben beispielsweise 340.000 offene Stellen für Metallfacharbeiter bundesweit bei nur 120.000 Arbeitslosen. 30 Prozent der Firmen sagen uns, sie können nicht so gut produzieren, weil ihnen Personal fehlt.“ Derzeit arbeiten mehr als drei Millionen MINT-Spezialisten in der Metall- und Elektroindustrie – das sind in etwa ein Viertel aller MINT-Beschäftigten in Deutschland.“

Lars Niggemeyer: „Aus meiner Sicht gibt es keinen Fachkräftemangel“

Es gibt Experten, die den Fachkräftemangel anzweifeln. Unter ihnen Lars Niggemeyer, Arbeitsmarktexperte und Sozialwissenschaftler aus Hannover. „Aus meiner Sicht gibt es keinen flächendeckenden Fachkräftemangel“, sagt Niggemeyer gegenüber der Deutschen Welle. „In den allermeisten Berufen haben wir eine große Zahl an arbeitslosen Fachkräften, für die es wenig freie Stellen gibt. In nur ganz wenigen Berufen ist es tatsächlich schwierig, freie Stellen zu besetzen. Aber das ist nur eine kleine Minderheit aller Berufe in Deutschland.“

Wie der Arbeitsmarktexperte zu dieser Überzeugung kommt? Würde der Markt nach mehr Fachkräften fragen, als zur Verfügung stehen, müssten die Löhne steigen. „Die Ingenieure haben eine ganz durchschnittliche Lohnentwicklung“, sagt Niggemeyer und beruft sich auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). „Da kann kein riesiger Fachkräftemangel vorliegen, denn dann müssten die Löhne stark überdurchschnittlich gestiegen sein“. Doch das Gegenteil sei der Fall. „Wir haben auch viele Ingenieure, die als Leiharbeiter arbeiten müssen.“

Auch Martin Gaedt, Autor des Buches „Mythos Fachkräftemangel“, bezweifelt, dass es zu wenig Fachkräfte gibt. „Bekommt ein Unternehmen weniger Bewerbungen, ist die einfachste Begründung: Fachkräftemangel. Das reden uns ja alle Verbände und Medien so ein. Seit 1984 lesen wir nichts anderes“, sagt Gaedt im Gespräch mit dem kununu Blog. Ein Mangel an Fachkräften könne aber viele Gründe haben: Unattraktive Angebote, befristete Verträge, langweilige Stellenanzeigen, Unbekanntheit im Bewerbermarkt oder schlechteBezahlung.

Martin Gaedt: „Unseriöse Zahlen werden in Hunderten Medien blind kopiert und verbreitet.“

Gaedt unterstellt sogar Tricksereien. „Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln ist auch zuständig dafür, dass der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) jahrelang die Zahl der offenen Stellen mit sieben, später mit fünf multipliziert hat, die Zahl der arbeitslosen Ingenieure aber nur mit eins. Dieser Rechenweg wird immer eine riesige Lücke an Ingenieuren aufzeigen.“ 2014 habe die ARD den Trick in der Reportage „Das Märchen vom Fachkräftemangel“ aufgedeckt. „Gäbe es tatsächlich einen Ingenieurmangel, müssten VDI und IW dann so tricksen? Unseriöse Zahlen werden in Hunderten Medien blind kopiert und verbreitet.“

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